Michael Zeleny (larvatus) wrote,
Michael Zeleny
larvatus

before the law

            Vor dem Gesetz             Before the Law
    Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. «Es ist möglich», sagt der Türhüter, «jetzt aber nicht.» Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn.     Before the Law stands a doorkeeper. To this doorkeeper there comes a man from the country and prays for admittance to the Law. But the doorkeeper says that he cannot grant admittance at the moment. The man thinks it over and then asks if he will be allowed in later. “It is possible,” says the doorkeeper, “but not at the moment.” Since the gate stands open, as usual, and the doorkeeper steps to one side, the man stoops to peer through the gateway into the interior.
    Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: «Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kam nicht einmal ich mehr ertragen.» Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen.     Observing that, the doorkeeper laughs and says: “If you are so drawn to it, just try to go in despite my veto. But take note: I am powerful. And I am only the least of the doorkeepers. From hall to hall there is one doorkeeper after another, each more powerful than the last. The third doorkeeper is already so terrible that even I cannot bear to look at him.” These are difficulties the man from the country has not expected; the Law, he thinks, should surely be accessible at all times and to everyone, but as he now takes a closer look at the doorkeeper in his fur coat, with his big sharp nose and long, thin, black Tartar beard, he decides that it is better to wait until he gets permission to enter. The doorkeeper gives him a stool and lets him sit down at one side of the door.
    Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: «Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.»     There he sits for days and years. He makes many attempts to be admitted, and wearies the doorkeeper by his importunity. The doorkeeper frequently has little interviews with him, asking him questions about his home and many other things, but the questions are put indifferently, as great lords put them, and always finish with the statement that he cannot be let in yet. The man, who has furnished himself with many things for his journey, sacrifices all he has, however valuable, to bribe the doorkeeper. The doorkeeper accepts everything, but always with the remark: “I am only taking it to keep you from thinking you have omitted anything.”
    Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. «Was willst du denn jetzt noch wissen?» fragt der Türhüter, «du bist unersättlich.»     During these many years the man fixes his attention almost continually on the doorkeeper. He forgets the other doorkeepers, and this first one seems to him the sole obstacle preventing access to the Law. He curses his bad luck, in his early years boldly and loudly; later, as he grows old, he only grumbles to himself. He becomes childish, and since in his yearlong contemplation of the doorkeeper he has come to know even the fleas in his fur collar, he begs the fleas as well to help him and to change the doorkeeper’s mind. At length his eyesight begins to fail, and he does not know whether the world is really darker or whether his eyes are only deceiving him. Yet in his darkness he is now aware of a radiance that streams inextinguishably from the gateway of the Law. Now he has not very long to live. Before he dies, all his experiences in these long years gather themselves in his head to one point, a question he has not yet asked the doorkeeper. He waves him nearer, since he can no longer raise his stiffening body. The doorkeeper has to bend low toward him, for the difference in height between them has altered much to the man’s disadvantage. “What do you want to know now?” asks the doorkeeper; “you are insatiable.”
    «Alle streben doch nach dem Gesetz», sagt der Mann, «wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?» Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an:     “Everyone strives to reach the Law,” says the man, “so how does it happen that for all these many years no one but myself has ever begged for admittance?” The doorkeeper recognizes that the man has reached his end, and to let his failing senses catch the words, roars in his ear:
    «Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.»     “No one else could ever be admitted here, since this gate was made only for you. I am now going to shut it.”
    ―Franz Kafka     ―translated by Willa and Edwin Muir
Tags: death, kafka
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