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nietzsche on saints and sickness - larvatus prodeo
January 3rd, 2005
10:35 pm

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nietzsche on saints and sickness
    Je normaler die Krankhaftigkeit am Menschen ist — und wir können diese Normalität nicht in Abrede stellen —, um so höher sollte man die seltnen Fälle der seelisch-leiblichen Mächtigkeit, die Glücksfälle des Menschen in Ehren halten, um so strenger die Wohlgerathenen vor der schlechtesten Luft, der Kranken-Luft behüten. Thut man das?... Die Kranken sind die grösste Gefahr für die Gesunden; nicht von den Stärksten kommt das Unheil für die Starken, sondern von den Schwächsten. Weiss man das?... In’s Grosse gerechnet, ist es durchaus nicht die Furcht vor dem Menschen, deren Verminderung man wünschen dürfte: denn diese Furcht zwingt die Starken dazu, stark, unter Umständen furchtbar zu sein, — sie hält den wohlgerathenen Typus Mensch aufrecht. Was zu fürchten ist, was verhängnissvoll wirkt wie kein andres Verhängniss, das wäre nicht die grosse Furcht, sondern der grosse Ekel vor dem Menschen; insgleichen das grosse Mitleid mit dem Menschen. Gesetzt, dass diese beiden eines Tages sich begatteten, so würde unvermeidlich sofort etwas vom Unheimlichsten zur Welt kommen, der „letzte Wille“ des Menschen, sein Wille zum Nichts, der Nihilismus.     The more normal this pathology is among human beings — and we cannot deny its normality — the higher we should esteem the rare cases of spiritual and physical power, humanity’s strokes of luck, and the more strongly successful people should protect themselves from the most poisonous air, the atmosphere of illness. Do people do that? ... Sick people are the greatest danger for healthy people. For strong people disaster does not come from the strongest, but from the weakest. Are we aware of that?... If we consider the big picture, we shouldn’t want any diminution of the fear we have of human beings, for this fear compels the strong people to be strong and, in some circumstances, terrible. That fear sustains the successful types of people. What we should fear, what has a disastrous effect unlike any other, would not be a great fear of humanity but a great loathing for humanity or, for the same reasons, a great pity for mankind. If these both these were one day were to mate, then something most weird would at once appear in the world, the “ultimate will” of man, his will to nothingness, nihilism.
    Und in der That: hierzu ist Viel vorbereitet. Wer nicht nur seine Nase zum Riechen hat, sondern auch seine Augen und Ohren, der spürt fast überall, wohin er heute auch nur tritt, etwas wie Irrenhaus-, wie Krankenhaus-Luft, — ich rede, wie billig, von den Culturgebieten des Menschen, von jeder Art „Europa“, das es nachgerade auf Erden giebt. Die Krankhaften sind des Menschen grosse Gefahr: nicht die Bösen, nicht die „Raubthiere“. Die von vornherein Verunglückten, Niedergeworfnen, Zerbrochnen — sie sind es, die Schwächsten sind es, welche am Meisten das Leben unter Menschen unterminiren, welche unser Vertrauen zum Leben, zum Menschen, zu uns am gefährlichsten vergiften und in Frage stellen. Wo entgienge man ihm, jenem verhängten Blick, von dem man eine tiefe Traurigkeit mit fortträgt, jenem zurückgewendeten Blick des Missgebornen von Anbeginn, der es verräth, wie ein solcher Mensch zu sich selber spricht, — jenem Blick, der ein Seufzer ist. „Möchte ich irgend Jemand Anderes sein! so seufzt dieser Blick: aber da ist keine Hoffnung. Ich bin, der ich bin: wie käme ich von mir selber los? Und doch — habe ich mich satt!“...     As a matter of fact, a great deal of preparation has gone on for this union. Whoever possesses, not only a nose to smell with, but also eyes and ears, senses almost everywhere, no matter where he steps nowadays, an atmosphere something like that of an insane asylum or hospital. I’m speaking, as usual, of people’s cultural surroundings, of every kind of “Europe” there is right here on this earth. The invalids are the great danger to humanity — not the evil men, not the “predatory animals.” Those people who are, from the outset, failures, oppressed, broken — they are the ones, the weakest, who most undermine life among human beings, who in the most perilous way poison and question our trust in life, in humanity, in ourselves. Where can we escape that downcast glance with which people carry their deep sorrow, that reversed gaze of the man originally born to fail which betrays how such a man speaks to himself, that gaze which is a sigh. “I wish I could be someone else!” — that’s what this glance sighs. “But there is no hope here. I am who I am. How could I detach myself from myself? And yet — I’ve had enough of myself!” ...
    Auf solchem Boden der Selbstverachtung, einem eigentlichen Sumpfboden, wächst jedes Unkraut, jedes Giftgewächs, und alles so klein, so versteckt, so unehrlich, so süsslich. Hier wimmeln die Würmer der Rach- und Nachgefühle; hier stinkt die Luft nach Heimlichkeiten und Uneingeständlichkeiten; hier spinnt sich beständig das Netz der bösartigsten Verschwörung, — der Verschwörung der Leidenden gegen die Wohlgerathenen und Siegreichen, hier wird der Aspekt des Siegreichen gehasst. Und welche Verlogenheit, um diesen Hass nicht als Hass einzugestehn! Welcher Aufwand an grossen Worten und Attitüden, welche Kunst der „rechtschaffnen“ Verleumdung! Diese Missrathenen: welche edle Beredsamkeit entströmt ihren Lippen! Wie viel zuckrige, schleimige, demüthige Ergebung schwimmt in ihren Augen! Was wollen sie eigentlich? Die Gerechtigkeit, die Liebe, die Weisheit, die Überlegenheit wenigstens darstellen — das ist der Ehrgeiz dieser „Untersten“, dieser Kranken!     On such a ground of contempt for oneself, a truly swampy ground, grows every weed, every poisonous growth — all of them so small, so hidden, so dishonest, so sweet. Here the worms of angry and resentful feelings swarm; here the air stinks of secrets and duplicity; here are constantly spun the nets of the most malicious conspiracies — those who are suffering and plotting against successful and victorious people; here the appearance of the victor is despised. And what dishonesty not to acknowledge this hatred as hatred! What an extravagance of large words and attitudes, what an art of “decent” slander! These failures — what noble eloquence flows from their lips! How much sugary, slimy, humble resignation swims in their eyes! What do they really want? At least to make a show of justice, love, wisdom, superiority — that’s the ambition of these “lowest” people, these invalids!
    Und wie geschickt macht ein solcher Ehrgeiz! Man bewundere namentlich die Falschmünzer-Geschicklichkeit, mit der hier das Gepräge der Tugend, selbst der Klingklang, der Goldklang der Tugend nachgemacht wird. Sie haben die Tugend jetzt ganz und gar für sich in Pacht genommen, diese Schwachen und Heillos-Krankhaften, daran ist kein Zweifel: „wir allein sind die Guten, die Gerechten, so sprechen sie, wir allein sind die homines bonae voluntatis.“ Sie wandeln unter uns herum als leibhafte Vorwürfe, als Warnungen an uns, — wie als ob Gesundheit, Wohlgerathenheit, Stärke, Stolz, Machtgefühl an sich schon lasterhafte Dinge seien, für die man einst büssen, bitter büssen müsse: oh wie sie im Grunde dazu selbst bereit sind, büssen zu machen, wie sie darnach dürsten, Henker zu sein! Unter ihnen giebt es in Fülle die zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche beständig das Wort „Gerechtigkeit“ wie einen giftigen Speichel im Munde tragen, immer gespitzten Mundes, immer bereit, Alles anzuspeien, was nicht unzufrieden blickt und guten Muths seine Strasse zieht.     And how clever such an ambition makes people! For let’s admire the skillful counterfeiting with which people here imitate the trademarks of virtue, even its resounding tinkle, the golden sound of virtue. They’ve now taken a lease on virtue entirely for themselves, these weak and hopeless invalids — there’s no doubt about that. “We alone are the good men, the just men” — that’s how they speak: “We alone are the homines bonae voluntatis [“men of good will”].” They wander around among us like personifications of reproach, like warnings to us, as if health, success, strength, pride, and a feeling of power were inherently depraved things, for which people must expiate some day, expiate bitterly. Oh how they thirst to be hangmen! Among them there are plenty of people disguised as judges seeking revenge. They always have the word “Justice” in their mouths, like poisonous saliva, with their mouths always pursed, constantly ready to spit at anything which does not look discontented and goes on its way in good spirits.
    Unter ihnen fehlt auch jene ekelhafteste Species der Eitlen nicht, die verlognen Missgeburten, die darauf aus sind, „schöne Seelen“ darzustellen und etwa ihre verhunzte Sinnlichkeit, in Verse und andere Windeln gewickelt, als „Reinheit des Herzens“ auf den Markt bringen: die Species der moralischen Onanisten und „Selbstbefriediger“. Der Wille der Kranken, irgend eine Form der Überlegenheit darzustellen, ihr Instinkt für Schleichwege, die zu einer Tyrannei über die Gesunden führen, — wo fände er sich nicht, dieser Wille gerade der Schwächsten zur Macht! Das kranke Weib in Sonderheit: Niemand übertrifft es in Raffinements, zu herrschen, zu drücken, zu tyrannisiren. Das kranke Weib schont dazu nichts Lebendiges, nichts Todtes, es gräbt die begrabensten Dinge wieder auf (die Bogos sagen: „das Weib ist eine Hyäne“).     Among them there is no lack of that most disgusting species of vain people, the lying monsters who aim to present themselves as “beautiful souls,” and carry off to market their ruined sensuality, wrapped up in verse and other swaddling clothes, as “purity of heart” — the species of self-gratifying moral masturbators. The desire of sick people to present some form or other of superiority, their instinct for secret paths leading to a tyranny over the healthy — where can we not find it, this very will to power of the weakest people! The sick woman, in particular: no one outdoes her in refined ways to rule others, to exert pressure, to tyrannize. For that purpose, the sick woman spares nothing living or dead. She digs up again the most deeply buried things (the Bogos say: “The woman is a hyena”).
    Man blicke in die Hintergründe jeder Familie, jeder Körperschaft, jedes Gemeinwesens: überall der Kampf der Kranken gegen die Gesunden, — ein stiller Kampf zumeist mit kleinen Giftpulvern, mit Nadelstichen, mit tückischem Dulder-Mienenspiele, mitunter aber auch mit jenem Kranken-Pharisäismus der lauten Gebärde, der am liebsten „die edle Entrüstung“ spielt. Bis in die geweihten Räume der Wissenschaft hinein möchte es sich hörbar machen, das heisere Entrüstungsgebell der krankhaften Hunde, die bissige Verlogenheit und Wuth solcher „edlen“ Pharisäer (— ich erinnere Leser, die Ohren haben, nochmals an jenen Berliner Rache-Apostel Eugen Dühring, der im heutigen Deutschland den unanständigsten und widerlichsten Gebrauch vom moralischen Bumbum macht: Dühring, das erste Moral-Grossmaul, das es jetzt giebt, selbst noch unter seines Gleichen, den Antisemiten). Das sind alles Menschen des Ressentiment, diese physiologisch Verunglückten und Wurmstichigen, ein ganzes zitterndes Erdreich unterirdischer Rache, unerschöpflich, unersättlich in Ausbrüchen gegen die Glücklichen und ebenso in Maskeraden der Rache, in Vorwänden zur Rache: wann würden sie eigentlich zu ihrem letzten, feinsten, sublimsten Triumph der Rache kommen? Dann unzweifelhaft, wenn es ihnen gelänge, ihr eignes Elend, alles Elend überhaupt den Glücklichen in’s Gewissen zu schieben: so dass diese sich eines Tags ihres Glücks zu schämen bekönnen und vielleicht unter einander sich sagten: „es ist eine Schande, glücklich zu sein! es giebt zu viel Elend!“...     Take a look into the background of every family, every corporation, every community — everywhere you see the struggle of the sick against the healthy, a quiet struggle, for the most part, with a little poison powder, with needling, with deceitful expressions of long suffering, but now and then also with that sick man’s Pharisaic tactic of loud gestures, whose favorite role is “noble indignation.” It likes to make itself heard all the way into the consecrated rooms of science, that hoarse, booming indignation of the pathologically ill hound, the biting insincerity and rage of such “noble” Pharisees ( — once again I remind readers who have ears of Eugene Duhring, that apostle of revenge from Berlin, who in today’s Germany makes the most indecent and most revolting use of moralistic gibberish — Duhring, the pre-eminent moral braggart we have nowadays, even among those like him, the anti-Semites). They are all men of resentment, these physiologically impaired and worm-eaten men, a totally quivering earthly kingdom of subterranean revenge, inexhaustible, insatiable in its outbursts against the fortunate, and equally in its masquerades of revenge, its pretexts for revenge. When would they attain their ultimate, most refined, most sublime triumph of revenge? Undoubtedly, if they could succeed in pushing their own wretchedness, all misery in general, into the consciences of the fortunate, so that the latter one day might begin to be ashamed of their good fortune and perhaps would say to themselves, “It’s a shameful to be fortunate. There’s too much misery!”...
    Aber es könnte gar kein grösseres und verhängnissvolleres Missverständniss geben, als wenn dergestalt die Glücklichen, die Wohlgerathenen, die Mächtigen an Leib und Seele anfiengen, an ihrem Recht auf Glück zu zweifeln. Fort mit dieser „verkehrten Welt“! Fort mit dieser schändlichen Verweichlichung des Gefühls! Dass die Kranken nicht die Gesunden krank machen — und dies wäre eine solche Verweichlichung — das sollte doch der oberste Gesichtspunkt auf Erden sein: — dazu aber gehört vor allen Dingen, dass die Gesunden von den Kranken abgetrennt bleiben, behütet selbst vor dem Anblick der Kranken, dass sie sich nicht mit den Kranken verwechseln. Oder wäre es etwa ihre Aufgabe, Krankenwärter oder Ärzte zu sein?... Aber sie könnten ihre Aufgabe gar nicht schlimmer verkennen und verleugnen, — das Höhere soll sich nicht zum Werkzeug des Niedrigeren herabwürdigen, das Pathos der Distanz soll in alle Ewigkeit auch die Aufgaben aus einander halten! Ihr Recht, dazusein, das Vorrecht der Glocke mit vollem Klange vor der misstönigen, zersprungenen, ist ja ein tausendfach grösseres: sie allein sind die Bürgen der Zukunft, sie allein sind verpflichtet für die Menschen-Zukunft. Was sie können, was sie sollen, das dürften niemals Kranke können und sollen: aber damit sie können, was nur sie sollen, wie stünde es ihnen noch frei, den Arzt, den Trostbringer, den „Heiland“ der Kranken zu machen?...     But there could be no greater and more fateful misunderstanding than if, through this process, the fortunate, the successful, the powerful in body and spirit should start to doubt their right to happiness. Away with this “twisted world”! Away with this disgraceful softening of feelings! That the invalids do not make the healthy sick — and that would be such a softening — that should surely be ruling point of view on earth. But that would require above everything that the healthy remain separated from the sick, protected even from the gaze of sick people, so that they don’t confuse themselves with the ill. Or would it perhaps be their assignment to attend on the sick or be their doctors?... But they could not misjudge or negate their work more seriously — something higher should never demean itself by becoming the tool of something lower. The pathos of distance should keep the work of the two groups forever separate! Their right to exist, the privilege of a bell with a perfect ring in comparison to one that is cracked and off key, is a thousand times greater. They alone are guarantors of the future; they alone stand as pledge for humanity’s future. Whatever they can do, whatever they should do — the sick can never be able to do and should not do. But if they are to be able to do what they should do, how can they have the freedom to make themselves the doctor, the consoler, the “person who cures” the invalids?...
    Und darum gute Luft! gute Luft! Und weg jedenfalls aus der Nähe von allen Irren- und Krankenhäusern der Cultur! Und darum gute Gesellschaft, unsre Gesellschaft! Oder Einsamkeit, wenn es sein muss! Aber weg jedenfalls von den üblen Dünsten der innewendigen Verderbniss und des heimlichen Kranken-Wurmfrasses!... Damit wir uns selbst nämlich, meine Freunde, wenigstens eine Weile noch gegen die zwei schlimmsten Seuchen vertheidigen, die gerade für uns aufgespart sein mögen, — gegen den grossen Ekel am Menschen! gegen das grosse Mitleid mit dem Menschen!...     And therefore let’s have fresh air! fresh air! In any case, let’s keep away from the neighborhood of all cultural insane asylums and hospitals! And for that let’s have good companionship, our companionship! Or loneliness, if that’s necessary! But by all means let’s stay away from the foul stink of inner rotting and of muck from sick worms!... In that way, my friends, we can defend ourselves, at least for a little while, against the two nastiest scourges which may be lying in wait precisely for us — against a great disgust with humanity! against a great pity for humanity!...
    Zur Genealogie der Moral, Dritte Abhandlung, §14     

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